Im April wird das Heft 1 des Jahrgangs 2008 der Zeitschrift KURSWECHSEL erscheinen.

Das Schwerpunktthema dieses Hefts der „Zeitschrift für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen“ wird heißen … na? ja? genau …

PREKARISIERUNG

Anlässlich der Vorbereitungen zum Aktionstag gegen Prekarisierung hat uns die Redaktion des KURSWECHSEL schon vorab die Einleitung, das Editorial, gemailt und zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.
(Das vollständige Editorial steht unten als PDF zur Verfügung.)

Editorial (Kurswechsel 1/2008):

Prekarisierung und kritische Gesellschaftstheorie


Das Begriffsbündel Prekarisierung/Prekarität/Prekariat hat in den letzten Jahren einen Fokus gebildet, an dem viele langjährige Debatten um Armut, Veränderung der Arbeitsgesellschaft, gesellschaftliche Polarisierung etc. zusammengekommen sind und neu verhandelt wurden. Es scheint, als können sich Sozialwissenschaft und Feuilleton, Gewerkschaften und soziale Bewegungen auf einen Begriff einigen, der am akkuratesten derzeitige sozioökonomische Veränderungen beschreibt. Beschäftigt man sich jedoch eingehender mit entsprechenden Diagnosen und Arbeiten zum Thema, zeigt sich, wie vielfältig der Begriff „prekär“ und seine Abwandlungen verstanden werden können. Daher zunächst eine begriffliche Differenzierung, die uns HerausgeberInnen am geeignetsten für das vorliegende Kurswechsel-Heft erscheint.

Entsprechende Begriffsklärungen verweisen auf den Wortstamm „prekär“, das je nach konsultiertem Lexikon „unsicher“, „unbeständig“, „misslich“, „heikel“, etc. bedeuten kann. Für die aktuelle Prekarisierungsdebatte erscheinen uns aber ethymologische Ausführungen weniger relevant als die Art und Weise, wie der Begriff in politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen verwendet wird. Hier wiederum erscheint uns folgende Definition am brauchbarsten: Prekarisierung kann als die Erosion des „gesamten Niveaus sozialer Rechte“ (Candeias 2006) einhergehend mit der sozioökonomischen Verunsicherung breiter Bevölkerungsschichten beschrieben werden. Damit sind sowohl konkrete Verschlechterungen der Arbeits- wie auch der allgemeinen Lebensbedingungen erfasst, während gleichzeitig aufgezeigt werden kann, wie diese auch Signalwirkungen auf die (noch) nicht unmittelbar Betroffenen haben. Prekarisierung ist demnach die neue Normalität, nicht bloß das Aufkommen von verarmten Segmenten und eines Niedriglohnsektors, sondern die fundamentale Verunsicherung breiter Bevölkerungsschichten hinsichtlich ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen (Hauer 2005).

Von politischer Bedeutung ist zudem die Unterscheidung zwischen Prekariat – Prekarität – Prekarisierung.

Mit dem an die traditionelle Klassentypologie angelehnten und diese modifizierenden Begriff „Prekariat“ wird in den meisten wissenschaftlichen Analysen die Charakterisierung einer klar abgegrenzten gesellschaftlichen Gruppe bzw. eines spezifischen gesellschaftlichen Milieus vorgenommen (vgl. etwa FES 2006, Mayer-Ajuha 2003). Damit erfolgt in den meisten Fällen jedoch eine distanzierte Fremdzuschreibung, im Zuge derer WissenschafterInnen anhand bestimmter Merkmale und Kriterien ihr Untersuchungsobjekt abzugrenzen versuchen. Ähnlich der Literatur zu Exklusion bzw. gesellschaftlichem Ausschluss (Kronauer 2007) oder der Produktion von „Überflüssigen“ (Bauman 2004, Hark 2005) wird hierbei von spezifischen Betroffenengruppen ausgegangen. Das 3-Zonen-Modell von Castel (Zone der Integration, Zone der Unsicherheit/Prekarität, Zone der Entkoppelung) lässt eine solche Interpretation ebenfalls zu (Castel 2000). Gegen diese definitorische Ab- und damit auch Ausgrenzung wendet sich ein Teil der in der Prekarisierungsdebatte involvierten und aktiven Personen und verfolgt eine emanzipatorisch motivierte Selbstdefinition der von Prekarisierung betroffenen Personengruppen (vgl. Frassanito-Netzwerk 2005, Candeias 2006). Soziale Bewegungen waren es auch, die den Begriff Prekariat erstmals in entsprechenden Zusammenhängen verwendet haben. Anders als in der wissenschaftlichen Definitorik spielen hier Subjektivitäten und Subjektivierungsprozesse – also gemeinhin die Frage, wer fühlt sich als Prekariat überhaupt angesprochen – eine entscheidende Rolle. Es geht hier also um den Versuch der Konstitution eines politischen Subjekts.

Die wissenschaftliche wie die aktionistische Begriffsverwendung weisen Parallelen zum marxistischen Klassendiskurs auf, wenn etwa in Anlehnung an Marx von „Prekariat an sich“ (wissenschaftliche Abgrenzung) und „Prekariat für sich“ (Subjektivierung) gesprochen wird. Allerdings wird von der post-marxistisch geprägten Bewegung anders als in der marxistischen Debatte nicht davon ausgegangen, dass mit dem Zusammenfall von Prekariat „an sich“ mit dem Prekariat „für sich“, also der Identifikation von Menschen mit der Prekaritätszuschreibung, bereits ein emanzipatorischer Schritt vollzogen wird. Denn dass der Begriff Prekariat auch umkämpft ist, zeigt sich etwa in einer weiteren Beschreibung von Prekariat, nämlich die vor allem negativ bis bemitleidend besetzte Definition, wie sie insbesondere in Feuilleton, Funk und Fernsehen gerne verwendet wird. Ausgelöst wurde diese Debatte aber auch von einer wissenschaftlichen Studie. Die Bezeichnung „Prekariat“ in der Milieustudie der SPD-nahen Friedrich Ebert Stiftung (FES 2006) lieferte den Aufhänger einer gesellschaftlichen Debatte, im Rahmen derer der Begriff Prekariat mit „Unterschicht“ synonym gesetzt wurde und darüber debattiert wurde, ob die gesellschaftliche Randposition einer solchen Gruppe auf Selbst- oder Fremdverschulden zurückzuführen sei. Hier zeigt sich dann, dass der Begriff Prekariat durchaus im Sinne von Ausgrenzung oder bestenfalls karitativ gemeinter Entmündigung verwendet wird und somit kaum emanzipatorisches Potenzial bietet.

Allgemein erscheint uns der Begriff der Prekarisierung daher am vielversprechendsten. Anders als der Begriff Prekarität, der analog zum Prekariat vor allem als wissenschaftliche Zustandsbeschreibung verstanden wird, verweist Prekarisierung auf das Prozess- und Projekthafte des damit bezeichneten Phänomens. Prekarisierung ist im Sinne des Projekts als der Versuch der Herrschenden zu verstehen, durch Entsicherung und Deklassierung von Personengruppen die Disziplinierung aller, also auch der nicht von prekären Lebensverhältnissen Betroffenen, zu erreichen. Das Projekthafte zeigt sich darin, dass die damit einhergehenden Maßnahmen und Strategien ausprobiert, verworfen und adaptiert werden müssen, also kein Masterplan zur Prekarisierung und Disziplinierung der Gesellschaft existiert. Zudem ist Prekarisierung trotz aller empirischer Gegenwartsanalysen kein abgeschlossener Tatbestand, sondern zeigt täglich neue Momente, die aus den Konflikten zwischen gesellschaftlichen Gruppen resultieren. In diesem Sinne ist Prekarisierung ein Prozess. Teil dieses Prozesses ist es auch, darüber zu streiten, wie umfangreich Prekarisierung gefasst werden kann. Während viele Prekarisierungsdebatten vor allem auf den Bereich Arbeit fokussieren, erscheint uns ein umfangreicherer Prekarisierungsbegriff, der sich auch auf Lebensweisen/Alltagsleben ausdehnt, brauchbarer.

Ein Prekarisierungsbegriff, der in die Breite zielt, hat den Vorteil, die Verflechtung verschiedener, allerdings oftmals willkürlich getrennter Sphären der Gesellschaft aufzuzeigen (z.B. öffentlich/privat, Arbeit/Freizeit, …). Denn die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen hat auch Auswirkungen auf das „Privat“- und Familienleben. Damit gerät auch der entscheidende Beitrag von Politiken wie Zerschlagung und Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, Vermarktlichung der Altersvorsorge, Illegalisierung von MigrantInnen etc. für das Anwachsen gesellschaftlicher Unsicherheit in den Blick, der sich zur steigenden Unsicherheit am Arbeitsmarkt gesellt. Prekarisierung umfasst daher eine Reihe von Projekten und Tendenzen, die die alltägliche und langfristige Reproduktion von Menschen erschwert, und sie entlang Konstruktionen von Klasse, Geschlecht, Ethnie etc. in bereichsspezifischer Weise segmentiert.

Debatten

Rund um Prekarisierung hat sich mittlerweile eine beachtliche Menge an Literatur angesammelt. Sie ist Ausdruck der Entfaltung eines Diskussionsprozesses, im Rahmen dessen sich einige zentrale Fragen herauskristallisiert haben.

Was sind die Ursachen der Prekarisierung?

Unterschiedliche Ansätze bieten Erklärungen für die Ursachen fortschreitender Prekarisierung an. Die diesbezüglichen Diagnosen sind vielfältig, wenngleich sie sich nicht unbedingt wechselseitig ausschließen. Vier Hauptgruppen an Erklärungsansätzen lassen sich identifizieren: Krise des Produktionsmodells; neue Organisationsweisen und Besonderheiten des Postfordismus; neoliberale Politik; Veränderungsdruck von „unten“.

Manche Analysen sehen den Grund in einer grundlegenden Krise des Produktionsmodells bzw. des Akkumulationsregimes: Der Kapitalismus habe alle Ventile für die Absorption überschüssiger Arbeitskraft ausgeschöpft, die Erschließung neuer Akkumulationsfelder sei an ihre letzte Grenze gestoßen (Bauman 2004). Dazu komme eine Tendenz zur „Verflüssigung“ aller Lebensbereiche, nichts auf der Welt sei mehr stabil, Prekarisierung aller Lebensbereiche die Folge, so der Soziologe Zygmunt Bauman (ebd.).

Die Krise des kapitalistischen Produktionsmodells führt dazu, dass die davon Ausgeschlossenen sich vermehrt in informellen Produktions- und Arbeitsmodellen Überlebensnischen organisieren (Altvater/Mahnkopf 2002).

Dem steht entgegen, dass die Arbeit im „formellen“ Sektor entgegen Diagnosen vom „Ende der Arbeitsgesellschaft“ tendenziell eher zu- als abnimmt.

Andere Analysen sehen die Ursache für Prekarisierung eher in Besonderheiten der Organisationsweise zeitgenössischer Produktion (Stichwort „Postfordismus“).

Es ist ein Charakteristikum postfordistischer Produktionsweise, die Arbeit zu entgrenzen (und Subjektivität zu verwerten), sodass abgesicherte Nischen der Nicht-Arbeit (Freizeit, Pension, Krankenstand etc.) tendenziell zurückgedrängt werden (Tsianos/Papadopoulos 2006). Die Organisationsweise einer flexibilitätsorientierten, digitalisierten, netzwerkartigen und sich ständig neu entwerfenden Produktionssphäre schlägt sich in Prekarisierung von Arbeit und Leben nieder (Berardi 2005). Das Outsourcing im privaten und die Privatisierung im öffentlichen Sektor senken ebenfalls die Stabilität und Güte der Arbeitsbeziehungen sowie den Umfang der bzw. den Zugang zur öffentlichen Daseinsvorsorge (O’Carroll 2005).

Die Tertiarisierung, die Bedeutungszunahme von Dienstleistungen, wird als weiterer Faktor identifiziert. Geringe Rationalisierbarkeit bremst die Lohnentwicklung im Dienstleistungssektor und Volatilität der Nachfrage senkt die Beschäftigungssicherheit.

Die Globalisierung der Arbeitsmärkte schließlich schlägt sich in einer Entwertung von Routinearbeiten und der Ausbreitung eines Niedriglohnsektors nieder (Altvater/Mahnkopf 2002, 60).

Eine dritte Gruppe von Erklärungen sieht neoliberale Politik als zentrale Ursache. „Seit der globale Standortwettbewerb den Systemwettbewerb von Kapitalismus und Sozialismus verdrängt hat, zeigt sich, dass soziale Rechte zur Disposition stehen, wenn politische Interessen an sozialer Gerechtigkeit nicht mit dem Strom der Kapitalakkumulation, sondern nur gegen diesen durchgesetzt werden können.“ Informalisierung und Prekarisierung sind „nicht als eine unbeabsichtigte Nebenfolge des sozioökonomischen Wandels zu verstehen, sondern als politisches Projekt“ (Mahnkopf 2003, 65, 69).

Die hohe Arbeitslosigkeit ist politisch gewollt, weil sie die Machtverhältnisse zugunsten des Kapitals verschiebt – ein „Klassenkampf von oben“ (Binger 2007) findet statt. Begleitend verstärkt eine am Konzept der Workfare orientierte Sozial- und Arbeitsmarktpolitik die Prekarisierung, verschärft Druck auf die Aufnahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse und die Individualisierung der Probleme (Hauer 2005, Pelizzari 2004).

Die zunehmende internationale Mobilität der Arbeitskraft wird mit einem staatlichen Migrationsmanagement beantwortet, das auf die Illegalisierung eines Großteils der MigrantInnen setzt und diese dadurch zu rechtlosen Arbeitskräften macht (Bojadžijev 2003, Bratic 2005).
Gegenüber der Diagnose eines bloß von Eliten „von oben“ durchgesetzten neoliberalen Projekts ist darauf hingewiesen worden, dass sich viele neoliberale Veränderungen mit Prekarisierungsfolgen auch auf aktive und passive Zustimmung in der Bevölkerung stützen können, weil sie gesellschaftskritische Forderungen (z.B. nach Humanisierung der Arbeit, Bedürfnis nach nicht-normalisiertem Alltag, Befreiung der Hausfrau) bzw. Selbstorganisationspraktiken von „unten“ (prekäre Arbeitsplätze als Schlupflöcher für Illegalisierte) in veränderter Form aufnehmen (Blauer Montag 2004, Candeias 2006, Redaktion Fantomas 2004, Ronneberger 2006).

Handelt es sich um ein neues Phänomen?

Gegenüber Diagnosen, wonach Prekarisierung ein neues Phänomen sei, haben verschiedene AutorInnen eingewendet, dass Prekarität die Grundform von Leben im Kapitalismus an sich sei. Prekarität sei historisch wie grundsätzlich identisch mit Proletarität, allerdings in historisch unterschiedlicher Intensität. Nach einer kurzen Phase der Beschränkung der grundsätzlichen Widerruflichkeit von Sicherheiten im Zuge von Klassenkompromissen in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg sind diese erkämpften Sicherheiten seit den 80ern wieder verstärkt in Frage gestellt (Dieckmann 2005, Hauer 2005).

Noch spezifischer wurde von anderen darauf hingewiesen, dass die historisch begrenzte Ausnahme-Phase der relativen Sicherheit für Lohnarbeitende nie für alle galt, insbesondere nicht für Frauen und MigrantInnen (O’Carroll 2005). Prekäre Arbeitsformen und Abwesenheit sozialer Rechte habe es nicht nur immer gegeben, im globalen Maßstab waren und sind sie bis heute die Regel. Neu an der Debatte um Prekarisierung ist demnach nicht der Sachverhalt, sondern die Tatsache, dass er sich auf immer mehr gesellschaftliche Bereiche ausdehnt und nun auch die urbanen Mittelschichten in den Industriestaaten ergriffen hat, und deshalb verstärkte gesellschaftliche Aufmerksamkeit erfährt (Castro Varela 2005, Gross 2006, Mitropoulos 2005, Precarias a la deriva 2004).

Einheit vs. Differenz

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern es angemessen und sinnvoll ist, von gemeinsamer Betroffenheit etwa von alten und neuen Prekarisierten zu sprechen, wie es Theorien allgemeiner gesellschaftlicher Prekarisierungsprozesse und politische Mobilisierungsaufrufe unter dem Banner des „Prekariats“ nahelegen, die eine Wiedervereinheitlichung von ArbeiterInnen und Armutsbevölkerung als prekär Arbeitende in Massenarmut postulieren (Roth 2005).

Demgegenüber haben verschiedene Stimmen auf gesellschaftliche Segmentierungen hinsichtlich Aufgaben/Qualifikationen, hinsichtlich Ausmaß von Sicherheit/Prekarität sowie hinsichtlich klassen-, geschlechtsspezifischer und rassifizierender/ethnisierender Zuschreibungen hingewiesen.

Statt einer Angleichung aller Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Prekarisierung seien neue Hierarchisierungen der Arbeit zwischen planenden und ausführenden Tätigkeiten im Rahmen einer polarisierenden Neuzusammensetzung der gesellschaftlichen Arbeit zu beobachten (Dieckmann 2005). Castel (2000; Dörre 2006) sieht die Arbeitsgesellschaft in mehrere Zonen (Zone der Integration, Zone der Unsicherheit/Prekarität, Zone der Entkoppelung) aufgespalten. Schließlich ist auf die Konzentration von Frauen und MigrantInnen in prekären Arbeitsverhältnissen und die unterschiedlichen Rechte gegenüber inländischen Männern hingewiesen worden (Bratic 2005, Castro Varela 2005, Vishmidt 2005). Vereinheitlichung oder auch nur Beschwörung von Vielfalt verdecke deshalb in diesem Kontext leicht Herrschaft und Hierarchien, und hemme die notwendige Selbstreflexion der Verstrickung in diese Verhältnisse (Dietl 2006).

Umstritten ist, wie mit dem Hinweis auf Differenzen der Lebenslagen umzugehen ist. Gegen das Beharren auf Unterschiede ist eingewendet worden, das bloße Betonen derselben sei zu übervorsichtig. Widersprüche müssten bearbeitet werden, aber Kämpfe müssten auf ein verallgemeinerbares Moment, auf gemeinsam zu entwickelnde Positionen zielen (Binger 2007, Candeias 2006).

Perspektive Normalarbeitsverhältnis?

Mit unterschiedlichen Einschätzungen über die Ursachen von Prekarisierung eng verbunden ist die normative Orientierung, mit der Prekarisierung von verschiedenen AutorInnen kritisiert wird. Für gewerkschaftlich orientierte Ansätze geht es mehrheitlich darum, prekäre und atypische Arbeitsverhältnisse abzuschaffen bzw. soweit wie möglich so genannten „Normalarbeitsverhältnissen“ anzugleichen (Müller 2006).

Aus der Einsicht, dass das Normalarbeitsverhältnis immer nur für einen begrenzten Teil der Bevölkerung galt und auch emanzipatorischer Kritik ausgesetzt war, ziehen andere den Schluss, dass es nicht darum gehen kann, „Prekarisierte wieder in Vollzeitarbeit zu pressen, sondern andere Formen möglichst selbstbestimmter Arbeit experimentell zu fördern und auf Verallgemeinerung zu drängen“ (Candeias 2006).

Die seit einigen Jahren zum Bestandteil der offiziellen EU-Politik mutierte kontroversielle Diskussion um „Flexicurity“ veranschaulicht die Heterogenität der normativen Orientierungen, die sich um die Gestaltung der Rahmenbedingungen der gewandelten Arbeitswelt gruppieren (Dräger 2007).

Organisationsfragen

Was die politische Verarbeitung von Prekarisierung betrifft, haben viele AutorInnen darauf hingewiesen, dass die damit verbundene Ausbreitung von individualisierter Abstiegsangst ein Hindernis für kollektives Handeln darstellt (Bourdieu 2006, Dörre 2006, Kadritzke 2006). Gleichzeitig wurden auch konkrete politische Maßnahmen gesetzt, die demokratiepolitische Rechte einschränken (Beschränkung gewerkschaftlicher Macht, Privatisierung von Entscheidungen im Finanzsektor, Illegalisierung von MigrantInnen, Entrechtung von SozialleistungsbezieherInnen …).

In Bezug auf Formen der Gegenwehr betonen bewegungsorientierte AutorInnen die Bedeutung von Selbstorganisation, auch aufgrund der gewandelten postfordistischen Subjektivitäten, in denen Selbstorganisation vermehrt zur Selbstverständlichkeit im Arbeits- und Lebensalltag geworden sei (Bologna 2007, Candeias 2006, Tsainos/Papadopoulos 2006).

Für viele Linke eröffnet sich mit dem Prekarisierungs-Thema die attraktive Möglichkeit einer Politik „in der ersten Person“ aufgrund persönlicher Betroffenheit (Redaktion Fantomas 2004).
Gewerkschaftsnahe AutorInnen sehen dagegen eine problematische Verherrlichung von Selbstorganisation, die die Bedeutung traditioneller Arbeitskämpfe gegen Prekarisierung vernachlässigt (Hauer 2005).

Vanessa Redak, Beat Weber, Stefanie Wöhl

Literatur:

Altvater, Elmar/Birgit Mahnkopf (2002): Globalisierung der Unsicherheit, Münster
Bauman, Zygmunt (2004): Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne, Hamburg
Franco „Bifo“ Berardi (2005): Arbeit Wissen Prekarität, in: KulturRisse 2
Binger, Tom (2007): Klassenarbeit! Probleme des Kampfes im Zeitalter der Prekarisierung – Zahlen, Daten, Einschätzungen, in: Jungle World Nr. 1, 3. Januar 2007
Blauer Montag (2004): Prekäres Leben – prekäre Kämpfe, in: ak – analyse & kritik 485 / 18.6.2004
Bojadžijev, Manuela/Serhat Karakayali/Vassilis Tsianos (2003): Das Rätsel der Ankunft. Von Lagern und Gespenstern. Arbeit und Migration, in: Kurswechsel, Heft 3/2003
Bolgona, Sergio (2007): Eine unsichtbare Geschichte der Arbeit. Interview, in: springerin 1/2007
Bourdieu, Pierre (2006): Prekarität ist überall, in: Frankfurter Rundschau, 18.10.2006
Bratic, Ljubomir (2005): Das Primat der Eingeborenen. Zur Prekärität der MigrantInnen, in: KulturRisse 2
Candeias, Mario (2006): Handlungsfähigkeit durch Widerspruchsorientierung, in: Z, Nr. 68, Dezember
Castel, Robert (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz
Castro Varela, Maria do Mar (2005): Prekarität für alle? Zur differentiellen symbolischen und faktischen Deklassierung von “Migrantinnen”. Eine transnationale Perspektive, in: ZTG Bulletin 29+30 (September)
Dieckmann (2005): Die Widerruflichkeit der Normalität. Über Prekarität und Prekarisierungen, ak 499, 21.10.2005
Dietl, Claudia (2006): Ich und du und…? Gedanken zu globalem Widerstand und Prekariat aus feministischer Sicht, in: unique 9
Dörre, Klaus (2006): Prekarisierung der Arbeitsgesellschaft. Triebkraft eines neuen Rechtspopulismus?, antifaschistische nachrichten 1/3000. Online: http://www.antifaschistische-nachrichten.de/3000/01/prekarisierung-2006.shtml
Klaus Dräger (2007): Europäisches Sozialmodell, Wettbewerbsfähigkeit und die neoliberale „Modernisierung“, in: Kurswechsel, Heft 1/2007
FES – Friedrich-Ebert-Stifung (2006): Gesellschaft im Reformprozess http://www.fes.de/inhalt/Dokumente/061017_Gesellschaft_im_Reformprozess_komplett.pdf
Frassanito-Netzwerk (2005): Prekär, Prekarisierung, Prekariat?. Online: http://www.nadir.org/nadir/kampagnen/euromayday-hh/de/2005/07/263.shtml
Gross, Thomas (2006): Von der Boheme zur Unterschicht, in: Die Zeit 18, 27.4.2006
Hark, Sabine (2005): Überflüssig. Deutungsbegriff für neue gesellschaftliche Gefährdungen?, in: Transit 29 (Sommer)
Hauer, Dirk (2005): Strategische Verunsicherung. Zu den identitären Fallstricken der Debatte um prekäre Arbeit, in: ak 494, 15.4.2005
Kadritzke, Ulf (2006): Kein Platz mehr im letzten Flugzeug. Die Mittelklassen in der Zone der Verwundbarkeit, in: Le Monde Diplomatique 12
Kronauer, Martin (2007): Exklusion und das Europäische Sozial(staats)modell, in: Kurswechsel, Heft 1/2007
Ludwig, Gundula/Birgit Mennel (2005): Ganz normal prekär? Feministische Aspekte zu Prekarität von Arbeits- und Lebensverhältnissen, in: Grundrisse 14
Mahnkopf, Birgit (2003): Zukunft der Arbeit: Globalisierung der Unsicherheit, in: Kurswechsel, Heft 3/2003
Mayer-Ahuja, N. (2003): Wieder dienen lernen? Vom westdeutschen „Normalarbeitsverhältnis“ zu prekärer Beschäftigung seit 1973, Berlin.
Mitropoulos, Angela (2005): Precari-us?, in: Mute Magazine 29, 8.2.2005
Müller, Gabriele (2006): Das neue Prekariat, in, Arbeit und Wirtschaft 11
O’Carroll, Aileen (2005): The Nomad, the Displaced and the Settler: Work in the 21st Century, zirkuliert auf Mailingliste http://info.interactivist.net am 24.11.2005
Pelizzari, Alesandro (2004): Prekarisierte Lebenswelten. Arbeitsmarktliche Polarisierung und veränderte Sozialstaatlichkeit, in: Beerhorst, Joachim /Alex Demirovic,/Michael Guggemos (Hg.): Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt/M.
Precarias a la deriva (2004): Streifzüge durch die Kreisläufe feminisierter prekärer Arbeit. Online: http://www.republicart.net/disc/precariat/precarias01_de.htm
Redaktion Fantomas (2004): Prekäre Zeiten – vorläufige Bilanzen, in: Fantomas. Magazin für linke Debatte und Praxis 6, Winter
Ronneberger, Klaus (2006): Die Kunst, sich an nichts zu gewöhnen. Prekäre Arbeit im flexiblen Kapitalismus, in: springerin 3/2006
Roth, Karl Heinz (2005): Der Zustand der Welt. Gegen-Perspektiven, Hamburg
Tsianos, Vassilis/Papadopoulos, Dimitris (2006): Precarity: A Savage Journey to the Heart of Embodied Capitalism. Online: http://www.geocities.com/immateriallabour/tsianospapadopaper2006.html
Vishmidt, Marina (2005): Precarious straits, in: Mute Magazine 29, 8.2.2005

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Das Inhaltsverzeichnis des KURSWECHSEL-Heftes 1/2008:

  • Editorial: Prekarisierung und kritische Gesellschaftstheorie
  • Christoph Reinprecht: Prekarisierung und die Re-Feudalisierung sozialer Ungleichheit
  • Maria do Mar Castro Varela: Prekarisierte Akademikerin = Undokumentierte Migrantin?
  • Bettina Haidinger: Prekarität mit Geschichte: Die Care-Ökonomie der Privathaushalte
  • Martin Schürz: Pierre Bourdieus Ungleichheitssoziologie und Amartya Sens Fähigkeitenansatz: unterschiedliche Perspektiven auf gesellschaftliches Leid
  • Barbara Eder: Prekarität, Proletarität, ,neue Unterschicht’ ? Dis/Kontinuitäten divergierender Bezeichnungspraxen im Kontext aktueller Prekarisierungsdiskurse
  • Julia Edthofer: Lernen, das Richtige im Falschen zu versuchen – politische Selbstorganisation als Teil radikaler Demokratie
  • Johanna Muckenhuber: Das Erleben überlanger Arbeitszeiten durch Solo-Selbstständige als Ergebnis eines erwerbszentrierten Deutungssystems und neoliberaler Gouvernementalität

abseits des Themenschwerpunkts:

Aktuelle Debatte: MitarbeiterInnenbeteiligung

  • Editorial
  • Heinz-J. Bontrup: Nur echte Gewinnbeteiligungen sind akzeptabel
  • Ruth Naderer, Sepp Zuckerstätter: MitarbeiterInnenbeteiligung in Österreich
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